Der Fachkräftemangel ist für viele Unternehmen im Allgäu längst Realität. Gleichzeitig steht die größte Verrentungswelle der deutschen Nachkriegsgeschichte erst am Anfang. Während viele Betriebe bereits heute Schwierigkeiten haben, offene Stellen zu besetzen, werden in den kommenden Jahren Millionen erfahrene Beschäftigte den Arbeitsmarkt verlassen.
Wie gravierend diese Entwicklung tatsächlich ist, zeigt der aktuelle IW-Kurzbericht „Die Babyboomer erreichen das Rentenalter“ von Philipp Deschermeier und Holger Schäfer (2026). Die Studie macht deutlich, dass Deutschland den demografischen Wandel nicht erst vor sich hat – sondern sich bereits mitten darin befindet. Für Unternehmen im Allgäu bedeutet das: Der Wettbewerb um Fachkräfte wird sich weiter verschärfen und strategische Personalplanung wird zu einem entscheidenden Erfolgsfaktor.
Der Ruhestand der Babyboomer beginnt bereits heute
Die Generation der Babyboomer umfasst die geburtenstarken Jahrgänge zwischen 1954 und 1969. In diesen Jahren wurden in Westdeutschland jährlich mindestens 1,1 Millionen Kinder geboren, wobei der Jahrgang 1964 mit rund 1,4 Millionen Geburten den Höhepunkt bildete.
Nach Angaben von Deschermeier und Schäfer (2026) haben bereits heute fünf Millionen der insgesamt über 19 Millionen Babyboomer das gesetzliche Renteneintrittsalter erreicht.
Noch deutlicher wird die Entwicklung beim Blick auf die kommenden Jahre:
- Aktuell befinden sich noch 14,1 Millionen Babyboomer unterhalb des gesetzlichen Rentenalters.
- Bis 2030 sinkt diese Zahl auf 7,6 Millionen.
- Bis 2036 wird die gesamte Babyboomer-Generation das gesetzliche Renteneintrittsalter erreicht haben.
Für Unternehmen bedeutet das einen massiven Verlust an Erfahrung, Wissen und qualifizierten Fachkräften.
Warum der Arbeitsmarkt unter Druck gerät
Die Ursache liegt nicht allein im Renteneintritt der Babyboomer.
Wie Deschermeier und Schäfer (2026) erläutern, treffen mehrere Entwicklungen gleichzeitig aufeinander:
Der sogenannte „Pillenknick“ Ende der 1960er-Jahre führte dauerhaft zu deutlich niedrigeren Geburtenzahlen. Gleichzeitig stieg über Jahrzehnte die Lebenserwartung der Bevölkerung. Dadurch verschiebt sich die Altersstruktur zunehmend.
Besonders alarmierend: Im Jahr 2025 verzeichnete Deutschland laut den im Kurzbericht zitierten Daten des Statistischen Bundesamtes die niedrigste Geburtenzahl in der Geschichte der Bundesrepublik. Gleichzeitig konnte das Geburtendefizit erstmals nicht mehr vollständig durch Zuwanderung ausgeglichen werden.
Die Folge ist ein schrumpfendes Erwerbspersonenpotenzial.
Die Lücke wird immer größer
Die Autoren des IW-Kurzberichts rechnen vor, dass bis 2036 lediglich 9,8 Millionen junge Menschen neu ins Erwerbsleben eintreten.
Demgegenüber verlassen deutlich mehr Babyboomer den Arbeitsmarkt.
Es entsteht eine Lücke von rund 4,3 Millionen Arbeitskräften.
Insgesamt sinkt das Erwerbspersonenpotenzial laut Deschermeier und Schäfer (2026)
- von 55 Millionen Menschen im Jahr 2025
- auf 51,2 Millionen im Jahr 2036
- und bis 2045 auf nur noch 50,4 Millionen Personen.
Diese Entwicklung betrifft sämtliche Branchen – vom Handwerk über die Industrie bis hin zum Gesundheitswesen.
Was bedeutet das für Unternehmen im Allgäu?
Das Allgäu verfügt über zahlreiche mittelständische Industrieunternehmen, Handwerksbetriebe, Dienstleister, Tourismusunternehmen sowie Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen.
Viele dieser Unternehmen beschäftigen heute einen hohen Anteil erfahrener Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die in den kommenden Jahren schrittweise in den Ruhestand wechseln.
Dadurch entstehen gleich mehrere Herausforderungen:
Erfahrungswissen geht verloren
Mit jedem Renteneintritt verschwindet oft jahrzehntelang aufgebautes Fachwissen.
Gerade spezialisierte Produktionsprozesse, Kundenbeziehungen oder technische Besonderheiten lassen sich nicht kurzfristig ersetzen.
Recruiting wird schwieriger
Schon heute konkurrieren viele Unternehmen im Allgäu um dieselben Fachkräfte.
Wenn gleichzeitig deutlich weniger junge Menschen nachrücken, verschärft sich dieser Wettbewerb weiter.
Nachfolgeplanung gewinnt an Bedeutung
Nicht nur Fachkräfte fehlen.
Auch Führungskräfte, Meister, Projektleiter oder Spezialisten erreichen zunehmend das Rentenalter. Ohne frühzeitige Nachfolgeplanung entstehen Wissenslücken und organisatorische Risiken.
Produktivität allein wird das Problem nicht lösen
Häufig wird angenommen, dass Digitalisierung oder Künstliche Intelligenz den Fachkräftemangel vollständig ausgleichen können.
Der IW-Kurzbericht kommt hier zu einer differenzierten Einschätzung.
Nach Ansicht von Deschermeier und Schäfer (2026) kann technischer Fortschritt zwar zahlreiche Tätigkeiten erleichtern oder automatisieren. Gleichzeitig entstehen jedoch neue Aufgaben und neue Dienstleistungen, die wiederum qualifizierte Mitarbeitende benötigen.
Bislang zeigt sich deshalb kein gesamtwirtschaftlicher Produktivitätsschub, der den Rückgang des Arbeitskräfteangebots vollständig kompensieren könnte.
Für Unternehmen bedeutet das:
Technologie wird immer wichtiger – ersetzt den Menschen jedoch nicht vollständig.
Welche Lösungen sehen die Studienautoren?
Der IW-Kurzbericht nennt verschiedene Stellschrauben, um die Folgen der demografischen Entwicklung abzumildern.
Fachkräftezuwanderung stärken
Deutschland verfügt bereits über geeignete gesetzliche Regelungen.
Verbesserungsbedarf sehen Deschermeier und Schäfer (2026) jedoch insbesondere bei:
- der Visavergabe,
- der Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse,
- den Ausländerbehörden,
- der aktiven internationalen Rekrutierung.
Gerade exportorientierte Unternehmen im Allgäu könnten künftig stärker von internationalen Fachkräften profitieren.
Erwerbsbeteiligung erhöhen
Auch innerhalb Deutschlands bestehen noch Potenziale.
Beispielsweise könnten bislang unterrepräsentierte Gruppen stärker in den Arbeitsmarkt integriert werden.
Dazu gehören unter anderem Frauen mit Migrationshintergrund oder Personen, die bislang nicht in Vollzeit arbeiten.
Attraktive Arbeitsbedingungen schaffen
Ein weiterer Ansatz besteht darin, Beschäftigte für eine längere oder umfangreichere Erwerbstätigkeit zu gewinnen.
Nach Einschätzung der Autoren entscheiden dabei insbesondere finanzielle Anreize sowie attraktive Rahmenbedingungen darüber, ob Menschen ihre Arbeitszeit ausweiten oder länger im Berufsleben bleiben.
Was Unternehmen im Allgäu heute bereits tun können
Auch wenn viele politische Maßnahmen außerhalb des Einflussbereichs einzelner Unternehmen liegen, können Arbeitgeber bereits heute wichtige Weichen stellen.
Mitarbeiter langfristig binden
Die Gewinnung neuer Fachkräfte wird zunehmend schwieriger.
Deshalb gewinnt die Bindung bestehender Mitarbeitender weiter an Bedeutung.
Eine moderne Unternehmenskultur, Entwicklungsmöglichkeiten und flexible Arbeitsmodelle werden zu wichtigen Wettbewerbsvorteilen.
Wissen systematisch sichern
Erfahrene Beschäftigte sollten ihr Know-how frühzeitig an jüngere Kolleginnen und Kollegen weitergeben.
Mentoringprogramme, strukturierte Einarbeitung und digitale Wissensdokumentation helfen dabei, wertvolle Erfahrungen im Unternehmen zu halten.
Ausbildung stärken
Jede erfolgreich besetzte Ausbildungsstelle reduziert langfristig den Fachkräftemangel.
Gerade regionale Unternehmen profitieren davon, junge Menschen frühzeitig an den Betrieb zu binden.
Arbeitgebermarke ausbauen
Wer im Wettbewerb um Fachkräfte bestehen möchte, muss sichtbar sein.
Authentische Einblicke in Unternehmenskultur, Karrierechancen und Entwicklungsmöglichkeiten werden für Bewerberinnen und Bewerber immer wichtiger.
Der Fachkräftemangel wird zum Standortfaktor
Die Studie von Deschermeier und Schäfer (2026) macht deutlich, dass der demografische Wandel längst begonnen hat und sich in den kommenden zehn Jahren erheblich beschleunigen wird.
Für den Wirtschaftsstandort Allgäu bedeutet das:
Nicht allein Produkte oder Preise entscheiden künftig über den Unternehmenserfolg.
Immer häufiger wird die entscheidende Frage lauten:
Gelingt es, ausreichend qualifizierte Mitarbeitende zu gewinnen und langfristig zu halten?
Unternehmen, die frühzeitig in Personalentwicklung, Ausbildung, Digitalisierung und Arbeitgeberattraktivität investieren, verschaffen sich dabei einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil.
Fazit
Der IW-Kurzbericht „Die Babyboomer erreichen das Rentenalter“ von Philipp Deschermeier und Holger Schäfer (2026) zeigt eindrucksvoll, wie stark der demografische Wandel den deutschen Arbeitsmarkt bereits verändert. Millionen erfahrene Beschäftigte werden in den kommenden Jahren in den Ruhestand gehen, während deutlich weniger junge Menschen nachrücken.
Für Unternehmen im Allgäu ist diese Entwicklung weit mehr als eine statistische Größe. Sie betrifft Recruiting, Wissenstransfer, Nachfolgeplanung und Wettbewerbsfähigkeit gleichermaßen. Wer frühzeitig handelt, Mitarbeitende langfristig bindet, in Ausbildung investiert und sich als attraktiver Arbeitgeber positioniert, schafft die besten Voraussetzungen, um auch in einem enger werdenden Arbeitsmarkt erfolgreich zu bleiben.
Das digitale Allgäuer Wirtschaftsmagazin begleitet diese Entwicklungen mit praxisnahen Beiträgen, aktuellen Studien und regionalen Best Practices. So erhalten Unternehmen wertvolle Impulse, um die Herausforderungen des demografischen Wandels aktiv zu gestalten.






