Warum die Industrie beim Institut für angewandte künstliche Intelligenz und Robotik Schlange steht und was humanoide Roboter wirklich können
Seit die Hochschule Kempten ihr Institut für angewandte künstliche Intelligenz und Robotik (IKR) im März 2024 in Marktoberdorf eröffnet hat, ist der Standort eine wichtige Adresse für Unternehmen aus der Region. Acht Professorinnen und Professoren sowie mehrere Werkstudierende forschen dort herstellerneutral und unabhängig zum Thema Robotik.
Immer mehr Unternehmen wenden sich in Sachen humanoide Robotik an das IKR. „Die meisten Anfragen lauten: Wir überlegen, in diese Technik zu investieren, weil unsere Anlagen von Menschen bedient werden – und der Mensch wird künftig nicht mehr verfügbar sein“, beschreibt Prof. Dr. Tobias Weiser, wissenschaftlicher Leiter des IKR, den typischen Erstkontakt. Fachkräftemangel und demografischer Wandel treiben die Nachfrage.
Neutrale Beratung statt Hersteller-Bindung
Viele Firmen suchen bewusst den Weg zum IKR statt direkt zum Hersteller. „Wir haben uns inzwischen eine gewisse Reputation erarbeitet und beraten neutral“, sagt Weiser. Anders als Systemintegratoren ist das Institut an kein Produktportfolio gebunden. Ein weiterer Vorteil: „Jegliches Training läuft auf unserem eigenen Server. So weiß man genau, wo die Daten des Kunden sind“, erklärt Ines Herz, wissenschaftliche Mitarbeiterin am IKR.
Was humanoide Roboter von anderen unterscheidet
Der entscheidende Unterschied liegt nicht in der Optik, sondern in der Intelligenz dahinter. Mittels KI-basierter Programmierung löst der humanoide Roboter flexiblere Aufgaben, die vorher nicht automatisierbar waren. Während klassische Industrieroboter fest programmiert werden, lernen humanoide Systeme in der Simulation. Ob zwei Beine oder Rollen ist laut Weiser oft zweitrangig: „Manchmal reicht auch nur ein Arm mit einem Greifer – entscheidend ist die Intelligenz dahinter.“

Roboter = Arbeitsplatzvernichter?
Humanoide Robotik soll nicht den Menschen ersetzen, sondern ihn entlasten, betont Ines Herz. Angesichts des Fachkräftemangels gäbe es genügend Aufgaben – etwa in der Pflege, wo Roboter Tätigkeiten, wie das Sortieren der Wäsche, übernehmen könnten, damit mehr Zeit zur Betreuung der Menschen bleibt. Professor Weiser räumt mit einem weiteren Irrtum auf: Humanoide Roboter seien „keine Wunderlösung für alles“ und ihr Einsatz erfordere weiterhin Fachwissen.
Wo die Grenzen liegen
Trotz aller Euphorie gibt es Grenzen. „Ein zweibeiniger Roboter, der sich frei im Supermarkt zwischen Kundinnen und Kunden bewegt, wäre sicherheitstechnisch äußerst anspruchsvoll“, so Weiser. Zweibeinige Systeme müssen permanent aktiv stabilisiert werden. Bei einem technischen Ausfall besteht grundsätzlich ein Sturzrisiko, während ein rollenbasiertes System leichter und sicher zum Stillstand gebracht werden kann. Hohe Investitionskosten und – je nach Aufgabe – Trainingszeiten von mehreren Wochen bis Monaten, begrenzen derzeit viele Anwendungen.
Der Blick in die Zukunft
Die Entwicklung verläuft rasant! Was vor einem Jahr Stand der Technik war, ist heute oft schon überholt. Angesichts des demografisch bedingten Rückgangs des Arbeitskräfteangebots bis 2035 ist humanoide Robotik ein wichtiger Baustein zur Sicherung des Produktionsstandorts – nicht als Ersatz für den Menschen, so Professor Weiser. Für Marktoberdorfs Wirtschaftsreferent Philipp Heidrich ist klar: „Wir müssen diese Technologien vor Ort zugänglich machen, damit Unternehmen schnell kompetente Ansprechpartner finden.“
„Das ist keine Science-Fiction – das passiert jetzt. Deshalb ist es für unseren Standort wichtig, diese Kompetenz vor Ort verfügbar zu haben.“
Philipp Heidrich, Wirtschaftsreferent der Stadt Marktoberdorf

„Demografisch bedingt geht das Arbeitskräfteangebot in zahlreichen europäischen Berufsgruppen bis 2035 zurück und es besteht erheblicher Ersatzbedarf. Unternehmen investieren in humanoide Robotik, um ihre Wettbewerbsfähigkeit und den Produktionsstandort zu sichern.“
Prof. Dr. Tobias Weiser, wissenschaftlicher Leiter des Institutes für Künstliche Intelligenz und Robotik



„Wie der Roboter aussieht, ist zweitrangig. Beine haben Vorteile, in den meisten Industriehallen sind Rollen jedoch die bessere Lösung. Entscheidend ist die Kombination aus Mobilität, zwei Armen und intelligenter Sensorik.“
Ines Herz, wissenschaftliche Mitarbeiterin
Institut für angewandte KI und Robotik (IKR)
Schwabenstraße 102
87616 Marktoberdorf
www.hs-kempten.de/ikr
Autorin: Angela Lingenhöl
Bildnachweise: Stadt Marktoberdorf, Institut für angewandte KI und Robotik, Angela Lingenhöl
Kurz zusammengefasst
Das Institut für angewandte künstliche Intelligenz und Robotik (IKR) der Hochschule Kempten in Marktoberdorf erforscht den Einsatz moderner Robotik und künstlicher Intelligenz in Unternehmen. Seit seiner Eröffnung im März 2024 unterstützt das Institut insbesondere regionale Industriebetriebe mit herstellerunabhängiger Expertise zur humanoiden Robotik und Automatisierung.
Im Mittelpunkt stehen intelligente Robotersysteme, die mithilfe KI-basierter Programmierung auch flexible Aufgaben übernehmen können. Angesichts des Fachkräftemangels gewinnen solche Lösungen für Produktionsbetriebe zunehmend an Bedeutung. Das IKR untersucht, wann humanoide Roboter, mobile Plattformen oder klassische Industrieroboter technisch und wirtschaftlich sinnvoll sind.
Gleichzeitig zeigen die Forschenden die Grenzen der Technologie auf: Sicherheit, Investitionskosten und Trainingsaufwand müssen bei jedem Einsatz berücksichtigt werden. Ziel ist es, Unternehmen im Allgäu bei der Einführung moderner Robotik zu unterstützen und Menschen durch Automatisierung zu entlasten.
Häufige Fragen zum Institut für angewandte KI und Robotik
Was macht das Institut für angewandte KI und Robotik in Marktoberdorf?
Das IKR ist ein Forschungsinstitut der Hochschule Kempten in Marktoberdorf im Ostallgäu. Es beschäftigt sich mit künstlicher Intelligenz, Robotik und der praktischen Anwendung intelligenter Robotersysteme. Unternehmen erhalten dort herstellerunabhängige Beratung und wissenschaftliche Expertise zu möglichen Einsatzgebieten.
Wie unterstützt das IKR Unternehmen im Allgäu bei der Automatisierung?
Das Institut untersucht gemeinsam mit Unternehmen, welche Robotiklösungen für ihre betrieblichen Aufgaben geeignet sind. Dabei werden technische Möglichkeiten, KI-basierte Programmierung, Sicherheit und der erforderliche Trainingsaufwand berücksichtigt. Die Forschung erfolgt unabhängig von einzelnen Roboterherstellern.
Was sind humanoide Roboter und wie unterscheiden sie sich von Industrierobotern?
Humanoide Roboter besitzen menschenähnliche Merkmale wie Arme und teilweise Beine. Entscheidend ist jedoch ihre intelligente Steuerung. KI-basierte Systeme können flexiblere Aufgaben erlernen, während klassische Industrieroboter häufig für klar definierte Abläufe programmiert werden. Je nach Anwendung können auch Roboter auf Rollen die bessere Lösung sein.
Können humanoide Roboter dem Fachkräftemangel entgegenwirken?
Humanoide Robotik kann dazu beitragen, Beschäftigte bei wiederkehrenden oder körperlich belastenden Aufgaben zu entlasten. Das IKR sieht darin eine Möglichkeit, dem demografischen Wandel und dem Rückgang verfügbarer Arbeitskräfte zu begegnen. Der Einsatz erfordert jedoch weiterhin qualifiziertes Fachpersonal.
Wo befindet sich das Institut für angewandte KI und Robotik?
Das Institut für angewandte KI und Robotik der Hochschule Kempten befindet sich in der Schwabenstraße 102 in 87616 Marktoberdorf im Landkreis Ostallgäu. Es wurde im März 2024 eröffnet und arbeitet mit Unternehmen aus der Region an praxisorientierten Robotikthemen.






